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Ein Rückblick auf den Vollblut-Experten Tag 2016 ( 18.01.2017 )
 
 
„Ich sehe schwarz und deutliche Probleme auf die Rennvereine zukommen. Wir arbeiten in einer völlig falschen Struktur.“ Der dritte Vollblut-Expertentag in Hannover begann mit einem Paukenschlag, den der Gastgeber Gregor Baum, seines Zeichen auch Präsident des Hannoverschen Rennvereins, setzte. Durch persönliches Engagement beispielsweise in München, Berlin, Baden-Baden und nicht zuletzt in Hannover sei es zwar möglich „schöne Rennveranstaltungen hinzubekommen“, aber nicht, schwarze Zahlen zu schreiben. „Wir haben keine vernünftige Einkommensströme, wir leben fast nur von den Sponsoren“, so Baum.
Die Geschäftsführerin von Baden-Racing, Jutta Hofmeister, die seit April im Amt ist, konnte nur zustimmen: „Wir werden dunkelrot abschließen, etwas besser zwar als in 2015, aber das ist nur über einige neue größere Sponsoren möglich gewesen.“ In den vergangenen 20 Jahren sei beispielsweise der Wettumsatz um 80 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Renntage und der gezahlten Rennpreise sei aber gleichgeblieben. „Das geht nur durch engagierte Gesellschafter, die einem den Rücken freihalten“, so Hofmeister.
Einer, der in diesem Jahr positive Zahlen vorweisen kann, ist Stephan Ahrens vom Rennverein Bad Harzburg, der einmal im Jahr ein mehrtägiges Meeting veranstaltet. „Wir haben den Wettumsatz auf der Bahn um 23 Prozent gesteigert und legen ein tiefschwarzes Ergebnis vor.“ Er weiß jedoch, wie dünn das Eis ist: „Ein Meeting kann gut laufen, es kann aber genauso schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn zum Beispiel das Wetter nicht mitspielt wie in Hamburg.“ In Harzburg laufe viel über ehrenamtliches Engagement, das schlage sich natürlich positiv auf der Kostenseite nieder.
Genau das stört Baum jedoch: „Der gesamte Rennsport wird ehrenamtlich geführt, alle sind operativ tätig, obwohl uns eigentlich dafür die Zeit und das Fachwissen fehlt.“ Der Fußballfan, der im Aufsichtsrat von Hannover 96 sitzt, zog Parallelen zum Fußball: „Der DFB hatte völlig veraltete und verkrustete Strukturen und hat dann die DFL gegründet, um neue Geldströme zu finden.“ Der Rennsport müsse deshalb für nachhaltige Strukturen sorgen, die es ermöglichten, auch Spitzenleute für das Management zu bekommen.
Baum sieht die Betriebsgesellschaft Galopp, die den Rennvereinen gehört, in der Pflicht, solche grundlegenden Veränderungen anzustoßen. BGG-Geschäftsführer Stephan Buchner äußerte sich skeptisch: „Ich vertrete 21 unterschiedliche Rennvereine - von Haßloch, die nur einmal im Jahr veranstalten – bis zu Baden-Baden oder Köln.“ Man könne sicher mehr über die BGG steuern, aber dazu müsse sich der Auftrag an die BGG ändern und die Rennvereine müssten bereit sein, Kompetenzen abzugeben - beispielsweise um die Termine zentraler gestalten zu können. Die Realität sehe jedoch anders aus, betonte Ahrens: „Jeder Rennverein grummelt so vor sich hin.“ Und Baum fügte an: „Wir kämpfen halt alle ums Überleben.“
Gegen Ende der von Thorsten Castle souverän geleiteten Diskussionsrunde gab es jedoch wieder optimistischere Töne. „Wir haben ein tolles Produkt, wir müssen es nur vernünftig vermarkten“, sagte Ahrens. „Wir haben viele Chancen mit unserem Produkt“, stimmte auch Baum zu. Und aus dem mit mehr als 300 Zuhörern voll besetzten Saal im Courtyard Marriott am Maschsee sprach Baden Racing-Gesellschafter Lars-Wilhelm Baumgarten vom „Produkt Galoppsport als Goldschatz“, den es zu heben gelte. Beim Rennpublikum bestehe die große Chance durch die Sportwette.
Eine große Frage blieb allerdings unbeantwortet im Raum: Wer setzt die nötigen Veränderungen in Gang? Der Vorschlag, alle wichtigen Entscheidungsträger einzuschließen, bis wie bei Papst-Wahl der „weiße Rauch aufsteigt“, ist zwar ein schöner Gedanke, aber wohl nur schwerlich umzusetzen.
Handlungsbedarf hat der Galoppsport auch in der Vermarktung und in seiner Außendarstellung. „Der Rennsport in den Medien“ lautete deshalb der Titel einer zweiten Diskussionsrunde am Expertentag. Inken Pallas, preisgekrönte Fernsehjournalistin beim Südwestrundfunk, betonte die „Bedeutung von Emotionen“, damit sie Berichte über den Galoppsport in den Programmen unterbringe könne. Dabei gehe es meist weniger um den Sport, sondern um die Geschichte dahinter, die zum „lachen, weinen oder mitfühlen“ anrege. Sie nahm die Rennvereine aber auch in die Pflicht, für gutes Bildmaterial von den Rennen zu sorgen. „Der Zuschauer ist vom Fußball mittlerweile höchste Qualität aus den verschiedensten Blickwinkeln gewöhnt.“ Nahaufnahmen in Zeitlupen der Sieger seien deshalb wünschenswert.
Der Galoppsport müsse sich im Klaren sei, dass er eine echte Randsportart sei, betonte Winfried Leinweber, früherer Sport-Chef der „Bild“-Zeitung in Hannover. Auch die neu geschaffene German Racing Champions League würden vor allem „im eigenen Saft“ wahrgenommen. Dem widersprach Petra Franken, die beim Galopp-Dachverband DVR fürs Marketing zuständig ist. „Unsere Zielrichtung im ersten Jahr war es, bei überregionalen Zeitungen wie Süddeutsche oder FAZ zu punkten.“ Das sei gelungen, zu dem sei die GRCL bei NTV im Fernsehen zu sehen gewesen. Das sei ein guter Anfang für eine junge Serie.
Franken betonte auch den Erfolg des „Tag der offenen Tür“ in den Rennställen. Das sei sehr erfolgreich gewesen. Zum schwierigen Thema Tierschutz wünschten sich Rennvereinsvertreter wie Gregor Baum allerdings mehr „argumentative Schützenhilfe vom Verband“.
Regional gibt es durchaus Positives zu berichten, wie auch Leinweber einräumte. Zum Beispiel in Hannover, aber vor allem in Dresden. „Wir haben den Galoppsport zur Nummer Zwei hinter dem Fußball bei uns“, betonte Thomas Schmidt von der „Dresdner Morgenpost“, die zu Renntagen mehrseitige Beilagen herausbringt. „Wenn die Menschen auf der Bahn mit unserer Beilage herumlaufen, ist das gut für uns, weniger für die Konkurrenz.“
Der Zeitungsbereich sei ohnehin nicht schlecht versorgt, sagte Peter Mühlfeit, Pressesprecher von zwei Rennvereinen und freier Galopp-Autor für mehrere Zeitungen. Große Defizite gebe es allerdings bei den Medien, auf denen man präsent sein müsse, um jüngere Menschen zu erreichen: Im Internet und speziell in den Sozialen Netzwerken. Da fehlten Strategie und Manpower von Seiten des Verbands und der Rennvereine. Auch der Umgang mit Kritik sei verbesserungswürdig, so Mühlfeit: „Ich empfehle da mehr Gelassenheit und Selbstbewusstsein.“
Reichlich Kritik hagelte es in der letzten Diskussionsrunde „Handicap und Ausschreibung“. Die beiden Trainer Mario Hofer und Gert Barsig beklagten sich beim Handicapper Harald Siemen vor allem über die Gewichte für nicht so gute dreijährige Pferde. „Wenn ein Dreijähriger einmal gewinnt, kann ich ihn eigentlich gleich verkaufen“, so Hofer. Und Barsig bemängelte, dass ein Pferd drei Mal laufen müsse, bevor es eine Handicap-Einschätzung bekomme. „Am besten laufe ich drei Mal hinterher auf der falschen Distanz, dass ich dann eine Chance habe. Das kann es doch nicht sein“, so Barsig. Siemen erläuterte, das Generalausgleichgewicht GAG stelle nur das Verhältnis der Pferde untereinander dar. Wenn man die Dreijährigen niedriger einschätze, müsse man auch das Gewicht der älteren Pferde senken. Und das bringe keinen Vorteil.
„Das Handicap ist ein System, um zu ermöglichen, dass jedes Pferd ein Rennen gewinnen kann“, so Siemen. Bei durchschnittlich zehn Startern pro Rennen, gewinnt mathematisch gesehen jedes Pferd nur alle zehn Rennen. Lösungen wie mehr Verkaufsrennen oder Handicaps nur für Dreijährige habe man schon vergeblich ausprobiert, sagte Rüdiger Schmanns, der Leiter der Renntechnischen Abteilung des DVR. Die Starterzahlen seien zu gering. Er werde aber die Trainer anschreiben, um auszuloten, was man in den Ausschreibungen verbessern könne.
„Über das Nennungsverhalten vieler Trainer bin ich allerdings erschüttert“, so Schmanns. Oft würden nur drei oder vier Pferde genannt, bei der Vorstarterangabe seien es dann plötzlich doppelt so viele. Für die Rennvereine sei dies eine schwierige Situation, die oft zu Ausfällen oder Änderungen der Ausschreibung führe. Ein Umstand, der von Hofer kritisiert wurde. Gerade kurzfristige Distanzänderungen seien problematisch, wenn man ein Pferd vernünftig managen wolle. „Ich nehme das als Anregung mit, dass wir Distanzänderungen vermeiden“, sagte Schmanns. Skalenveränderungen seien allerdings je nach Nennungen nötig, damit 60 Kilo das normale Höchstgewicht bleibe.
Zur Kritik, deutsche Listen- oder Gruppe-Siege seien im internationalen Vergleich weniger wert, sagte Siemen: „Diese Rennen unterliegen einer internationalen Kontrolle. Jedes Pferd ab 95 kg GAG wird besprochen – das gewährt die Wertigkeit eines Pferdes.“ Natürlich werde gelegentlich die Qualität eines Rennes angezweifelt, gerade das Ranking der Gruppe 1-Rennen sei häufig in Gefahr. „Aber es kann keine Rede davon sein, dass die Leistung unserer Pferde künstlich hoch gehalten wird.“
Wie die Leistungsfähigkeit der Pferde verbessert und gehalten werden kann, davon handelten zwei spannende Fachvorträge am Expertentag. Über „Weidemanagement und Koppelpflege“ referierte Dr. Christa Finkler-Schade, während Dr. Carsten Vogt über „Zahnheilkunde beim Vollblüter“ sprach. „Das natürlichste, beste und gesündeste Futter ist und bleibt das Gras gut bestockter Wiesen“ lautet das Credo von Finkler-Schade. Und „junge Pferde werden nur so gut sein, wie sie gesund groß werden.“
Und dazu gehört eine ausreichend große Weidefläche und ein aktives Koppelmanagement. Besonders wichtig sei eine dichte federnde Grasnarbe – zum freien Galoppieren und als Nahrungsquelle. In der Praxis seien allerdings häufig zu kleine Flächen mit zu vielen Unkräutern festzustellen, so die Expertin. Es herrsche oft eine Infektionsgefahr. „Zucht und Aufzucht haben einen hohen Flächenbedarf, Pferde weiden sehr selektiv“, sagte Finkler-Schade.
Eine gesunde Weide sorge für gesunde Pferde. Düngen solle man nur nach einer wissenschaftlichen Bodenuntersuchung. Aufgrund dieser Ergebnisse könnten bestimmte Nährstoffe zugeführt werden. Um die Parasitengefahr zu bekämpfen, dürfe man nur mit kompostierten Pferdemist düngen, warnte die Expertin.
Finkler-Schade beschrieb auch die nötigen Pflegemaßnahmen, um die Koppeln in gutem Zustand zu halten. Dazu gehören regelmäßige Ruhezeiten, einen regelmäßigen Nutzungswechsel (durch Schafe und Rinder), Mulchen, Reinigungsschnitte, der Einsatz von Weidestriegeln und das regelmäßige Absammeln von Kot. Letzteres sei die „effektivste Maßnahme, um den Parasitendruck niedrig zu halten.“ Eine der wichtigsten Maßnahmen sei die beständige Nachsaat. „Das Pflegen der Weiden ist sehr arbeits- und kostenintensiv“, betonte die Expertin.
Klare Worte fand auch der Zahnexperte Dr. Carsten Vogt. „Eine vollständige Untersuchung der Zähne ist nur in Sedation möglich.“ Ein kurzes ins Maulschauen reiche nicht. Der Experte empfahl deshalb, jeden Vollblüter im Training einmal im Jahr an den Zähnen gründlich zu untersuchen, im Gestüt alle zwei Jahre. Qualitätskriterien für eine gute Untersuchung seien Maulgatter, Kopfunterstützung, gute Kopflampe und Spülung der Maulhöhle.
„Pferdezähne haben ein begrenztes Wachstum, sie sind hochgebaut und steil“, so Vogt, der Autor des Fachbuchs „Lehrbuch der Zahnheilkunde beim Pferd“ ist. Oft habe ein Pferd Probleme mit den Zähnen, könne aber dennoch Fressen. Deshalb sei eine regelmäßige Kontrolle so wichtig. In seinem kurzweiligen Vortrag streifte der Mediziner Probleme wie Überbiss, „Wolfszähne“, Verletzungen der Zunge, Laden- und Trensengebissverletzungen und Zahnfrakturen. Er schilderte unterschiedliche Methoden, wie kaputte Zähne heutzutage möglichst schonend entfernt werden können, warnte dabei eindringlich davor, die Steinmann-Pin-Methode einzusetzen, die dem Pferd sehr schaden könne.
Der Vollblut-Expertentag war vor drei Jahren als „Experiment“ gestartet worden. Inzwischen, da ist sich Organisator Daniel Krüger von der Besitzervereinigung sicher, hat das Forum einen festen Platz im deutschen Rennkalender, gemeinsam mit dem „Tag der Gestüte“ auf der Rennbahn Neue Bult in Hannover-Langenhagen. Dazu gehört auch die Verlosung von Freisprüngen: Für 100 Euro pro Los konnten die Teilnehmer einen Sprung bei den Deckhengsten Amaron, Hurricane Run, Jukebox Jury, Kallisto, Maxios, Pastorius, Pomellato, Reliable Man, Samum, Tertullian und Wiesenpfad gewinnen.
 
 
 
 
 
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